Kein Facebook

Präambel: Der folgende Text ist bereits etwas älter. Weil ich aber ständig gefragt werde, warum ich denn kein Facebookprofil besitze, veröffentliche ich hier einfach noch einmal die Antwort dazu.

Ich habe seit Jahren ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den Angeboten, die gemeinhin als “Social Media” bezeichnet werden. Alles begann mit Myspace. Die Älteren unter den Lesern werden sich noch erinnern. Mit viel Liebe wurde eine Seite erstellt, angepasst, unangepasst – Hauptsache auffallen. Ein schwarzes Brett im Internet. Weder hatten wir verstanden, was dieses Internet eigentlich war, noch was es bedeutete, sich dort zu präsentieren. Mit Begeisterung erstellten wir Steckbriefe unserer Selbst und pinnten sie ans Schwarze Brett. Wir lernten Menschen kennen, schlossen Freundschaften über alle Grenzen hinweg und feierten unsere Sozialkompetenz. Dann kam die Angst. Die erste Angst. Die Angst vor Google. Wir wurden älter und uns wurde bewusst, dass es vielleicht gar nicht so vorteilhaft sein könnte, wenn jeder beliebige Mitmensch nur unseren Namen in eine Suchmaschine eingeben musste und uns perfekt präsentiert fand. So sperrten wir unsere Profile nach außen, schlossen unsere Kreise und vertrauten nicht mehr jeder Freundesanfrage. Dann lasen wir über Angriffe. Unsere Passwörter weg. Unsere Logindaten im Netz. Die Vorfälle häuften sich, die Technik verpasste den rechtzeitigen Sprung auf das nächste Level und wir hungerten nach Besserem. Dann kam das Web im Web. Plattformen, die grundsätzlich von außen abgeschirmt waren. Profile konnte nur besuchen, wer Mitglied war. Und die exklusiven Netzwerke ließen nicht jeden als Mitglied zu. Der Reiz war da und wie eine Flut ergossen sich die frustrierten Social Media Jünger in die neuen Netzwerke. Hinzu kamen die nachwachsenden Digital Natives, denen die Vernetzung nicht weit genug gehen konnte. Damals hörte ich oft, wie groß der Vorteil dieser Netze sei, boten sie doch den Schutz, dass man über Google und Konsorten nicht gefunden werden konnte. Dass die eigenen Daten “sicher” seien. Es war genau dieser Moment, als ich das erste Mal einen Schritt zurück trat und den anderen dabei zusah, wie sie sich in diesen Netzen verhielten. Ich war fasziniert und staunte nicht schlecht, denn die Migranten gaben in der Sicherheit der abgezäunten Netzwerke die Vorsicht auf, sich Decknamen zu geben und agierten unter ihren tatsächlichen Namen. Man wollte ja gefunden werden. Aus den Sozialen Netzen wurden Identitätswerkzeuge, Identitätsmanagementwerkzeuge. Identitäten wurden aufgebaut und gepflegt. Man stellte sich dar, wie man sich selbst sah und wie man einer ganz bestimmten Gruppe gegenüber bekannt sein wollte. Der eigenen Clique nämlich. Der Schutz kam vom System, denn Google konnte einen schließlich nicht erreichen. Dann kam die Angst. Die zweite Angst. Denn irgendwann wurde einigen klar, dass sich ja jeder zu solchen Netzwerken anmelden konnte. Selbst für die geschlossensten brauchte man nur eine Einladung. Und über die Klarnamen war man noch viel leichter zu finden. Ein Aufschrei der Empörung ging durch die Netzwelt. Zeitungen berichteten. Galileo berichtete. Bild berichtete. “Jeder kann die Daten sehen, die du eingepflegt hast!” Und als dann auch der letzte so richtig empört war, fanden die ersten heraus, dass man sich gegen zu viel Öffentlichkeit selbst schützen konnte, indem man die Sichtbarkeiten beschränkt. Eine Welle von Abschottung durchlief die Netzwerke. Plötzlich konnte man nur noch die Profile seiner Freunde sehen und selbst bei diesen nur einen Teil. Manche beschränkten sich so sehr, dass nur sie selbst noch etwas auf ihrer Seite sahen. Irgendjemand kam dann – ein paar Jahre später – auf die Idee, dass es eben doch noch jemanden gab, der alles sah, egal wie sehr man auch beschränkte. Dann kam die Angst. Zehn Jahre kostenfreie Nutzung riesiger sozialer Netze. Und erst so langsam kam bei der Masse der Nutzer der Gedanke auf, dass diese Netze Schöpfer haben und dass diese Schöpfer Geld verdienen müssen. Geld verdienen wollen. Und dann dämmerte manchen, dass die Nutzung vielleicht doch gar nicht so kostengünstig war. Wir alle zahlen mit dem wertvollsten, was wir haben. Wir zahlen mit der genauen Kenntnis unserer Person, mit unserer Intimsphäre, unserer Identität. Die dritte Angst ist eine neue Angst. Doch haben wir zuvor reagiert, indem wir uns der vermeintlichen Bedrohung gegenüber abgeschottet haben, reagieren wir alle auf diese neue Erkenntnis nahezu gegenteilig. Wir versuchen uns zu erklären. Wir versuchen zu verteidigen, dass wir uns weiterhin in den Identitätsnetzwerken bewegen. Wir verteidigen uns vor Anderen, die sich mit den gleichen Argumenten uns gegenüber verteidigen. Wir verteidigen es auch vor uns selbst. Geheuer war es uns nicht. Doch gehen wollten wir auch nicht. Wir könnten etwas verpassen.

PS: Auch wenn es hier anklingt, bin ich kein Aluhut (mehr). Man findet mich auf Twitter, Google+, und vielen anderen Diensten. Dass ich auf Facebook nicht vertreten bin, rührt in erster Linie daher, dass ich Facebook einfach nicht mag. Der vorhergegangene Text dient einzig und allein dazu, zum Denken anzuregen. Vielleicht ist mir das ja gelungen…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s